Sich selbst verwirklichen
In einem Wohnheim für Behinderte kann man sich eben nicht so ganz frei entfalten wie man es möchte. In den meisten Fällen gibt es schon Vorschriften, wie man Bilder aufhängen muss. Oder es gibt Regelungen, ob man eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer haben darf oder nicht. Das ärgert nicht nur die behinderten Menschen, sondern auch ihre Angehörigen. Deswegen treten in den letzten Jahren immer mehr die direkte Flucht nach vorne an und sehen sich nach Alternativen um. Leider gibt es in allen Wohnheimen die gleichen gesetzlichen Grundlagen. Feuerschutzbestimmung, Mindestbauverordnung und so weiter. Ein endloser Paragraphendschungel. Fast schon sollte man ein Jura-Studium beim Einzug vorweisen, denn sonst versteht man ja nur Bahnhof. Es ist einfach nur noch lästig, wenn man von einer Einrichtung zur nächsten geschickt wird, und es sich nirgends ändert. Wie schön wäre da doch eine eigene Wohnung? Einen Raum oder zwei zu haben, in denen man all das machen kann was einem Spaß macht? Die Wände voller Bilder hängen kann ohne dass der gesetzliche Zeigefinger kommt und ein Verbot verhängt. Doch wie soll da die Versorgung laufen? Braucht man doch bestimmte Hilfestellungen im Alltag. Haushalt und persönliche Hygiene erledigen sich nicht im Schlaf durch die Heinzelmännchen. Genau hier kommt ein noch recht junges Konzept auf den Tisch. Betreutes Wohnen steht für die höchste Unabhängigkeit mit der am geringsten nötigen Abhängigkeit. Die Mieter haben alle ihre eigenen Wohnungen in einem Haus und werden dort von einem ambulanten Dienst versorgt und betreut. So sind die Pflege und der Haushalt gesichert, und die Menschen leben eigenständig.
Autor ist Holger Schossig